/page/2

Das perfekte Forschungsdinner? Interview mit Inga Reimers (von Saskia Frank)

Mit einem ethnographischen Zugang erforscht Inga Reimers die Schnittstelle Kunst und Wissenschaft und lud im Mai 2014 zum „Perfekten Forschungsdinner“ auf Kampnagel in Hamburg. Nach dem Dinner sprach Saskia Frank von der AG Künste und Wissenschaften mit ihr darüber.

image


Hintergrund

„Ess-Settings“ als forschungsleitende Methode zu wählen, bedarf einer Offenheit gegenüber nicht greifbaren Erkenntnissen, die sich den üblichen wissenschaftlichen Standards entziehen. Das Spannende an Inga Reimers Zugang ist die Verbindung von kultureller Praktik und künstlerischem Verfahren. Beides bezieht sich auf das Epistemische und beides ist nicht wiederholbar.  Die kulturellen Praktiken des Essens sind gesellschaftlich verankert und bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekannt.  Künstlerische Verfahren können in immer wieder neu konzipierten Räumen und Strukturen stattfinden. Eine Gemeinsamkeit beider Anwendungen ist, dass sowohl kulturelle Praktiken als auch künstlerische Verfahren lediglich Momentaufnahmen darstellen. In Kombination bilden beide gemeinsam das wissenschaftliche Experiment, ähnlich einer Laborsituation. 

Eine von Reimers wesentlichen Fragen ist die nach der Formatkonzeption: Mittels welcher Verfahren und Umgebungen können sich inter- und transdisziplinäre Erkenntnisse entwickeln? Welche Settings sind hierfür notwendig? Und in welchem Verhältnis stehen hierbei theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung?


image

Wie heißt Dein Forschungsprojekt?

Ich forsche im Rahmen meiner Dissertation zu „Ess-Settings“. Das sind Situationen, in denen mit Essen und Kochen als kollektiver Handlung bewusst umgegangen wird und dabei idealerweise ein übergeordnetes Thema bearbeitet wird. Im Rahmen meiner ethnographischen Forschung realisiere ich dabei auch selbst experimentelle Forschungsdinner unter dem Titel „Taktsinn“. 

Du hast Kulturanthropologie studiert und arbeitest mit einem ethnographischen Ansatz. Wie kommen bei Dir Kunst und Wissenschaften zusammen? Wie ist Dein ethnographischer Blick auf die Schnittstelle Kunst/Wissenschaft?

In erster Linie ist für mich die Zusammenarbeit mit Künstler_innen (im Graduiertenkolleg Versammlung und Teilhabe) eine Möglichkeit, meine Horizonte und mein Wissen zu erweitern – weniger im Sinne von neuen Theorien oder Texten, die ich kennenlerne, sondern vielmehr als Denkweise und als Praxis. In diesem Zusammenhang macht es für meine eigene Forschung auch weniger Sinn, diese beiden Bereiche zu trennen und getrennt voneinander zu beschreiben, da ich mich da eher an der Schnittstelle sehe. 
So ist es zum Beispiel interessant eine kulturwissenschaftlich-ethnographische Dissertationsforschung einmal in Logiken und Abläufe von künstlerischer Produktion sowie Aufführung zu denken. Nur durch die Vorgabe des Kollegs, ein (künstlerisches) Projekt zu realisieren und zu präsentieren, wurde zum Beispiel das Thema der Formatentwicklung für mich relevant und ich hätte wohl eher keine experimentellen Forschungsdinner in die Forschung einbezogen. 
Insofern wäre es wünschenswert, dass es weiterhin Arbeitszusammenhänge gibt, in denen nicht (nur) die theoretische Diskussion über künstlerische Forschung oder künstlerische Ethnographien vorangetrieben wird, sondern in denen vor allem gemeinsam von Künstler_innen, Ethnograph_innen und Praktiker_innen jeglicher Form geforscht wird und die Prozesse und Ergebnisse der Forschung wieder in den Diskurs eingebracht werden.

Welcher künstlerischen Verfahren bedienst Du Dich für Dein Forschungsprojekt?

Ich würde die von mir verwendeten Verfahren nicht per se als künstlerisch bezeichnen. Vielmehr geht es in meiner Forschung und auch im Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe“ darum, Forschungsverfahren zu identifizieren, die nicht klassischerweise als solche angesehen werden: Das Versammeln, das Essen, das Gehen etc. Als „bestehende“ künstlerische Verfahren oder Formate sind sicherlich das Kuratieren oder die Intervention für meine Forschung relevant. Obwohl ich auch hier keine eindeutige Zuordnung in eines der beiden Felder – Kunst oder Wissenschaft – vornehmen würde. Die Ethnographie ist an dieser Sichtweise sicher auch schon immer nah dran, wenn sie zum Beispiel die Teilnahme an den jeweils zu erforschenden Praktiken und Kulturen als Forschungsverfahren begreift.

 

Was ist Dein Wissensbegriff?

Wenn ich in meiner Forschung von Wissen spreche, dann bezeichne ich damit vor allem eine greif- und kommunizierbare Form von Erkenntnissen und Praktiken. Dabei mache ich keinen Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen und dem Alltagswissen. Der Fokus liegt vielmehr auf der methodologischen Frage, wie das Wissen, das für mich relevant ist, greif- und kommunizierbar gemacht werden kann, was u.a. an Polanyis „tacit knowledge“ anschließt.

Welche Rolle spielt die Theorie und welche die Methode in Deinem Forschungsprojekt?

Da ich ja nicht nur über Ess-Settings forsche, sondern auch nach Forschungssettings und Methoden zum Greifbarmachen von z.B. sinnlicher Wahrnehmung in diesen Settings suche, steht die Methode – zumindest in der aktuellen Phase – im Vordergrund. Ich finde es dabei aber sehr spannend, auszuprobieren, inwiefern sich Theorien und theoretische Konzepte wie zum Beispiel die Akteur-Netzwerk-Theorie in der Praxis nutzbar machen lassen. 

Was sind die Kategorien, mit denen Du das Forschungsdinner erfasst?

Es gibt aktuell vier forschungsleitende Perspektiven auf Ess-Settings mit denen ich arbeite. Das sind:

  1. Essen und Kochen als soziales Setting und Experiment
  2. Essen und Kochen als sinnliches Setting und Experiment
  3. Essen und Kochen als performativer Rahmen 
  4. Essen und Kochen als Repräsentation

Diese Perspektiven wurden im perfekten Forschungsdinner in den einzelnen Gängen/an den einzelnen Tischen präsentiert und sollten so erfahr- und verstehbar werden. Dabei wird schnell deutlich, dass diese Kategorien nicht komplett voneinander getrennt werden können.

image

Welche empirischen Daten kannst Du aus dem Forschungsdinner generieren?

Als klassisches empirisches Material dienen mir die Audio-Aufzeichnungen der Abschlussdiskussionen und in Falle des perfekten Forschungsdinners auch die Kommentare, Mitschriften und Kritzeleien auf den Papiertischdecken. Außerdem erstelle ich zu jedem eigenen oder auch von mir besuchten Ess-Setting ein Protokoll/eine Beschreibung in meinem Forschungstagebuch. Fotografien und teilweise auch Filmaufnahmen sind dabei als Gedächtnisstütze sehr hilfreich.

Wen lädst Du zum Forschungsdinner ein?

Zum ersten Forschungsdinner, dem experimentellen Abend zum Nicht-Visuellen, habe ich zum einen die Mitglieder des Graduiertenkollegs und des Studiengangs Kultur der Metropole und den Freundeskreis des Kollegs über das Programmheft zur Präsentationswoche 2013 eingeladen. Die Idee war und ist es, ein Netzwerk an Interessierten und Mitforschenden zu haben, die an verschiedenen Ess-Settings teilnehmen und damit meine Expertise und Perspektive auf meine Forschung ergänzen zu können. Bei diesem ersten Dinner gab es zudem noch drei explizite Expert_innen für das Nicht-Visuelle, die ihren Zugang zum Nicht-Visuellen in einer Tischrede vorgetragen haben. Diese Personen habe ich selbst ausgewählt und eingeladen. Dieses Netzwerk wächst seitdem und ich lade dann zu den folgenden Taktsinn-Settings immer wieder eine größere Gruppe an Personen ein, die aus Wissenschaft, Kunst oder auch ganz anderen Bereichen kommen. Diese Heterogenität ist für mich sehr wichtig. Leider muss ich manchmal aus organisatorischen Gründen die Teilnehmer_innenzahl begrenzen. Dann entscheidet das Los.

Was ist das partizipative Moment am Forschungsdinner?

Letztlich können meine Forschung und somit auch das Forschungsdinner nicht funktionieren ohne Partizipation von Mitessenden und Mitforschenden. Ich bin darauf angewiesen, dass andere Menschen einen Anreiz an der Teilnahme haben. Das kann einfach das Essen und die Erwartung sein, eine nette Zeit zu verbringen. Ich hoffe natürlich, dass sich die Dinnerteilnehmer_innen darüber hinaus beteiligen und sich zum Beispiel auf Abschlussdiskussionen einlassen, mit Feedback und Informationen auf Tischdecken schreiben und dann eventuell auch beim nächsten Dinner wieder dabei sind. Darüber hinaus ist mir wichtig, dass am Ende der Arbeit nicht nur ich an der Dokumentation und Interpretation schreibe, sondern dass auch die Mitforschenden Einfluss bekommen. So weit bin ich allerdings noch nicht.

image

Was hat Deiner Meinung nach sehr gut beim Forschungsdinner funktioniert?

Dadurch, dass ich zwei Durchläufe des Dinners am Mittag und am Abend hatte, wurde deutlich, dass der Ablauf und das „Funktionieren“ des Dinners von vielen verschiedenen Komponenten abhängen: Die Zusammenstellung der Personen und ihrer aktuellen Bedürfnisse; die Klarheit, mit der Anweisungen für das Experiment gegeben werden; das Essen selbst etc. Dass etwas Interessantes, Unerwartetes passiert, ist für mich dann immer schon ein gutes Ergebnis, auf dem ich beim nächsten Dinner aufbauen kann. In beiden Durchläufen habe ich sehr viele interessante Informationen und Anmerkungen zu weiteren Ess-Settings und zum Setting des Dinners an diesem Tag bekommen. In der ersten Gruppe war auch die gemeinsame Abschlussdiskussion sehr aufschlussreich. Außerdem habe ich noch einmal ganz neue Mitforschende gewinnen können, da es keine Anmeldung vorab gab und die Essenden einfach vorbeikommen konnten.

Was hat überhaupt nicht gut funktioiert?

Wie ich bereits oben geschrieben habe, spielt die Klarheit der Anweisungen eine wichtige Rolle für das „Funktionieren“ der Experimente. Im zweiten Durchlauf sollte eine Gruppe das Essen als Arbeitsessen unter Kulturschaffenden begreifen, bei dem u.a. auch Geldgeber für ein fiktives Projekt dabei waren. Jede/r Essende bekam per Los zu Beginn eine Rolle zugeteilt. Die Idee dahinter war, dass Essen als performativer Rahmen erprobt werden sollte. Im Verlauf des Essens wurde allerdings deutlich, dass die Anweisung für dieses Spiel einerseits nicht klar genug war und die meisten Teilnehmer_innen nicht in die ausgelosten Rollen schlüpften. Andererseits hatte ich hier vielleicht auch die Dynamik einer Gruppe von sich weitestgehend bekannten Personen unterschätzt, die nach einer Aufführung eher das Bedürfnis haben über eben diese zu sprechen. Diese Runde kam durch Terminverschiebungen an diesem Tag auch erst viel später endgültig zusammen und zog sich dadurch auch länger in den Abend hinein, was bewirkte, dass hier Aufmerksamkeit anders funktionierte und sich das Dinner ohne Abschlussdiskussion recht schnell auflöste. Dieser Verlauf schien mir aber in der Situation der interessantere zu sein, so dass ich spontan entschlossen habe, keine gemeinsame Runde zu forcieren. Also geht es auch hier weniger um das Scheitern oder fehlerhafte Verläufe, sondern vielmehr um Sensibilität für die Situation und die eigene Rolle in dieser.

Inga Reimers promoviert als Assoziierte im Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe. Urbane Öffentlichkeiten und Performative Künste”.  

http://taktsinn.org/begrusungsrede-taktsinn-iii/

Wir geben nix. Wir nehmen nur.

Ich nehme: Das sichtbar gemachte Körperwissen einer vom intellektuellen Denken dominierten Wissenschaft im Verhältnis zu Raum und Zeit. Ich gebe: Die Regeln.

So lautete die Beschreibung einer Perfomance von Birte Opitz zur Abendveranstaltung Wir geben nix. Wir nehmen nur. Entgegen der einseitigen, aber doch häufigen Erwartungshaltung an (Kunst)ausstellungen, sie mögen unterhalten, ein von der AG bewusst gesetzter Titel, um im Rahmen des Pfingsttreffens des Ev. Studienwerks Projekte aus dem Bereich Kunst, Kultur und Wissenschaft von AG Mitgliedern nicht nur vorzustellen, sondern auch zu erproben und sie erstmals oder immer wieder durchzuführen. Das Publikum war somit nicht nur zum Anfassen oder zur Gabe des eigenen Körpers für ein Experiment aufgefordert, sondern konnte sich etwa Feedback-Klängen und anderen ästhetischen und sozialen Situationen mit Übertreten der Türschwellen zu den vier Räumen in Haus Villigst nicht mehr entziehen. 

Beispielsweise verließen Teilnehmde Birte Opitz’ „Körperwissen”-Raum zum Teil bestürzt angesichts der Herausforderung hinter verschlossener Tür und vor dem Kameraauge ohne Worte eine Bewegung oder Geste zu finden, die sie mit ihrer Disziplin verbinden. Weitere Reaktionen, die Rasa Weber als „Experimental Supervisor“ und ein Tweetup von Saskia Frank einfingen, zeigten, dass eine Verbindung von Körper(wahrnehmung) und Wissenschaft für viele nicht selbstverständlich ist, sondern man doch immer „nur denke”, so ein Besucher.

Besucher im Anarchiv

Dass Wissen sich allerdings nicht nur in Wort und Schrift vermittelt, sondern auch eine soziale und eine ästhetische Dimension hat, konnte im Parallaktischen Labor von Johannes Bennke und Maurício Liesen erfahren werden. So wurden im Anarchiv Bilder und Zitate zur „Undarstellbaren Gemeinschaft“ (Jean-Luc Nancy) gesammelt, aber ohne Ordnung zum Kommentieren und Fortschreiben bereit gestellt. Eine weiterer Weg, eine Art von Gemeinschaft zu teilen, ohne sich je zu Gesicht zu bekommen, war die Möglichkeit zur Ko-respondenz: Eingeladen zur „ethischen Geste der Gabe“ verfassten Besucher Brief ohne Adressaten und wurden selbst zum unbekannten Empfänger, indem im Tausch gegen den eigenen ein anderer Brief vom Tisch mitgenommen wurde. 

Im Zeugenstand, 2-Kanal-Videoinstallaion

Im Kontrast dazu stand wiederum die Konfrontation mit der Rolle, Im Zeugenstand zu sitzen und im Angesicht des Films “Judgement at Nuremberg” (Stanley Kramer, 1961) die Gewalt zu erfahren, die Sprache haben kann. 
» Zur ausführlichen Dokumentation 

SOUND OBJECTS

Auch bei Annika Haas war das Publikum teils harschen Klängen ausgesetzt, die jedoch von ihm selbst herrührten. Mit ihrem Konzept SOUND OBJECTS realisiert sie stets unabgeschlossene Assemblagen, die sich als Anhäufungen verschiedener Objekte versehen mit Mikrofonen und Vibrationslautsprechern dem Eingriff des Publikums darbieten und gleichzeitig auf einer computerbasierten Klangsynthese basieren, die davon immer wieder beeinflusst wird. Dabei entwickelten sich teils aufbäumende Noise-Miniaturen und verweilten zahlreiche Besucher für längere Zeit, um den sich verjüngenden und als “atmend“ und “krächzend” beschriebenen Objektresonanzen zuzuhören.
» Mehr zu SOUND OBJECTS

Letztlich versetzt jeder Versuchsaufbau, jede Probe und jede Schau des noch so Unabgeschlossenen auch jene, die vom Publikum Teilnahme oder gar Beiträge einfordern, in die Situation, Einblicke, Erklärungen und Zugänge geben zu müssen, um Aufmerksamkeit und Antworten entgegengebracht zu bekommen. Jedoch scheint das eine nicht das andere zu bedingen, sondern ist sowohl Austausch über Kunst wie auch über Wissenschaft nicht als ein solcher Tauschhandel zu verstehen, sondern als ein Geben und Nehmen, das vielleicht in den Figuren Korrespondenz oder Resonanz in eine Bewegung gerät, die mit und ohne das Wort zwischen den Disziplinen einen Zugang zu Sinn und Sinnlichkeit eröffnet. 

Text: Annika Haas
Bilder: Rasa Weber (1, Flyer), Johannes Bennke (2-4)

Unser Review 2013 ist online! Werkstattbegehungen und eine eigene Forschungswerkstatt beschäftigten uns. Ausblick auf 2014: Was heißt ästhetisches, was heißt wissenschaftliches Denken?zum Review

Unser Review 2013 ist online! 
Werkstattbegehungen und eine eigene Forschungswerkstatt beschäftigten uns. Ausblick auf 2014: Was heißt ästhetisches, was heißt wissenschaftliches Denken?
zum Review

Tagungsnotiz: „Das Subjektive im Objektiven – Kunst als Impulsgeber für die Wissenschaftskommunikation“

image

Welche Rolle Kunst für die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft spielen kann, zeigt Saskia Frank in dieser Tagungsnotiz anhand einiger Beispiele, die im November 2013 im „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Karlsruhe diskutiert wurden. Die Autorin ist selbst tätig im Bereich Wissenschaftsvermittlung an der TU Braunschweig.

Einmal jährlich treffen sich im „Forum Wissenschaftskommunikation“ Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bereich Wissenschafts-PR, Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftsmarketing. Die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wächst stetig – Wissenschaftskommunikation expandiert. Das Thema der Jahrestagung 2013 lautete „Fokus Zielgruppe: Wen erreicht Wissenschaftskommunikation?“.[i] Im Mittelpunkt der Tagungssessions standen innovative Ansätze, Trends und Formate. Die von Dr. Susann Beetz moderierte Session hatte das Thema „Kunst und Wissenschaft“ auf der Agenda. Eingeladen waren Referierende aus drei deutschen Institutionen, die Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft entwickelt oder betreut haben.

Gegensätze? Kunst und Wissenschaft

Susann Beetz koordiniert in der Helmholtz-Gemeinschaft die Wanderausstellung „Ideen 2020“, die Aktuelles aus Wissenschaft und Forschung in Deutschland zeigt. In ihrer Einführung eröffnet Beetz den Horizont der Session und stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kunst und Wissenschaft vor: Zunächst einmal fänden wissenschaftliche Erkenntnisprozesse unabhängig eines Publikums statt, der Prozess des Forschens sei in der Regel nicht transparent. Kunst hingegen sei an ein Publikum gerichtet und lebe von der Interaktion. Auch die Wissenschafts-kommunikation wolle zielgerichtet Öffentlichkeit ansprechen, wobei die Zielorientierung im Gegensatz zur Kunst auch eher eindimensional angelegt sei.  Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst berge Chancen, aber auch Risiken, denn künstlerische Projekte könnten im positiven wie auch im negativen Sinne die Grenzen guter wissen-schaftlicher Praxis überschreiten. Dennoch könne Kunst Diskurse eröffnen, und zwar in einer Form, die  Erfahrungen und Emotionen anspreche. Allerdings sei Kunst kein Dienstleister für Wissenschaft und Kommunikation, vielmehr sei das gegenseitige Profitieren entscheidend.

Kunst und Wissenschaft: Gemeinsamkeiten

Wie die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft fruchtbar gemacht werden kann, referierte Heike Katharina Mehrtens, künstlerischer Vorstand der in Berlin ansässigen Schering-Stiftung. Mehrtens plädiert dafür, Kunst und Wissenschaft zunehmend zusammen zu denken, denn nur so könne Welt als Ganzes verstanden werden. Die Schering-Stiftung fördert vor allem Symposien und Workshops und schafft Plattformen, auf denen sich Kunst und Wissenschaft treffen. Während Beetz eher die Unterschiede betont, zeigt Mehrtens die Gemeinsamkeiten auf: Kunst und Wissenschaft erforschen alles Unbekannte und bedienen sich im Grunde ähnlicher Methoden und Experimente um zu Erkenntnissen zu gelangen.  In der Kunst sowieso und in der Wissenschaft inzwischen auch, spiele die Visualisierung eine eminente Rolle, Wissensproduktion und Wissens-vermittlung geschehe über Bilder, wobei in der Wissenschaft das Wort nach wie dominiere.

Die Schering-Stiftung schafft mit ihren Förderprogrammen finanzielle Grundlagen und ist zugleich operative Institution und ökonomisches Netzwerk. Deutlich wird an dem Beitrag von Heike Katharina Mehrtens, dass es der Schering-Stiftung vor allem um das Anstoßen von Denkprozessen geht, um das Verständnis von gesellschaftlichen Herausforderungen und um das Infrage stellen der eigenen – künstlerischen und wissenschaftlichen – Prinzipien.

Lösungsansätze für die Zukunft

Stefan Aue von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften berichtet vom Ansatz des Jahresthemas ARTEFAKTE, das 2011 und 2012 unter dem Titel WISSEN IST KUNST, KUNST IST WISSEN firmierte.  Das Jahresthema diente mit 40 Partnern und 30 Einzelprojekten der regionalen Netzwerkbildung. Die Akademie machte in ihrem Themenjahr Allianzen zwischen Kunst und Wissenschaft möglich, um Fragen der Zukunft aufzuwerfen und Lösungsansätze vorzustellen. Dabei ging es um die Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft sowohl im theoretischen Diskurs als auch in konkreten Projekten wie zum Beispiel dem „Syntopischen Salon“. Mit neuen dynamischen Formaten, die Rollenbildern, Denkstilen und Konventionen nachgehen, könnten, so Aue, gesellschaftliche Problemfelder identifiziert werden.

So viele Gemeinsamkeiten die von Mehrtens und Aue vorgebrachten Beispiele auch vermuten lassen, so sehr positionieren sich beide Vortragende auch unterschiedlich. Auf der einen Seite zeigen die dargestellten Projekte der Schering-Stiftung die Sicht auf Kunst und Wissenschaft selbst, so dass die Schnittstellen-Projekte zu einem Erfahrungsraum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden. Auf der anderen Seite geht die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit ihren interkulturellen und interdisziplinären Formaten in den öffentlichen Raum und sucht durch die Entstehung des momenthaftigen Neuen nach Ansätzen, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen.

Öffentlichkeitsarbeit und institutionelle Grenzen

Während sich die Schering-Stiftung und die Berlin–Brandenburgische Akademie der Wissenschaften explizit die Förderung von­­ Kunst/Wissenschafts-Projekten auf die Fahnen schreiben, stellt der dritte Referent Andreas Schütz vor, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt Kunstprojekte in seine Öffentlichkeitsarbeit  integriert. Die Förderung von Kunstprojekten gehöre normalerweise nicht zu den Aufgaben einer Forschungseinrichtung. Dennoch kämen Anfragen von Verlagen und Filmproduktionsfirmen, in denen Luft- und Raumfahrt eine Rolle spielen. Schütz sieht in der Beratung dieser Projekte eine gute Möglichkeit, Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Wissenschaft zu betreiben, da beispielsweise mit Science Fiction-Büchern und -Filmen neue Zielgruppen erreicht werden können, die im ersten Schritt weniger wissenschaftsaffin sind.  Auch mit der – hauptsächlich ideellen – Unterstützung von Kunstprojekten im engeren Sinne könnten neue Horizonte der Öffentlichkeitsarbeit eröffnet werden. In der Folge entstehen größere Gemeinschaftsprojekte, wie zum Beispiel die Ausstellung OUTER SPACE. DER WELTRAUM ZWISCHEN KUNST UND WISSENSCHAFT, die in der Bundeskunsthalle Bonn in Zusammenarbeit mit dem DLR im Oktober 2014 eröffnet wird.

Öffentlichkeitsarbeit an deutschen Wissenschaftseinrichtungen ist institutionellen Regeln unterworfen, und nur persönlicher Einsatz und eine Portion Idealismus können helfen, die bürokratischen Hürden zu überwinden. Damit die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft überhaupt erst möglich werden kann, sind strukturelle und ökonomische Grundlagen nötig. Es bedarf hierfür langfristige Förderungen und vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die neuen thematischen Zugängen offen gegenüber stehen. 

Breitenwirksamkeit?

Die Referentinnen und Referenten haben auf eindrucksvolle Weise gezeigt, welche Vielfalt an Formaten es bereits an der Schnittstelle Kunst und Wissenschaft gibt. Allerdings bleiben die meisten angesprochenen Projekte Teil des Wissenschaftsbetriebs. Wenn aber die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft gesellschaftlich wirken soll – sei es, weil disziplinäre Grenzen gesprengt werden müssen oder kreative Lösungen für aktuelle Probleme gesucht werden, dann wäre eine weitere Verbreitung zielführend. 

Wie diese Projekte breitenwirksam werden können, blieb in dieser Session offen. Wen erreichen solche Projekte? Wie können weitere Zielgruppen teilhaben? Auf welche Weise können  neue Ideen gesellschaftlich verankert werden? Susann Beetz hat in ihrer Einführung von der Eindimensionalität gesprochen: Wenn aus der Ein-Weg-Kommunikation eine netzartige Kommunikation entstehen würde, dann hätten auch kreative Ideen aus der Öffentlichkeit Chancen, Wissenschaft zu bereichern. Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft und nur durch ein soziales Wechselspiel von Beidem kann Neuartiges produziert werden.

Bleibt  die Vermittlung von Wissen  eine eindimensional orientierte Veranstaltung, so ist gesellschaftliche Teilhabe nur bedingt möglich. Die Formatentwicklung an der Schnittstelle Kunst/Wissenschaft wäre eine lohnende Aufgabe für die noch junge Disziplin „Wissenschaftskommunikation“. Dafür wären interaktive Formate sinnvoll, die das Forschen auch von Nichtwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern  möglich machen.  Als Stichwort wäre hier künstlerische Forschung zu nennen. Ein wesentlicher Aspekt der künstlerischen Forschung ist nicht die Vermittlung von Wissen, sondern die Entstehung desselben. Folglich könnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch vom Wissen der Öffentlichkeit profitieren und darauf aufbauend ihre Forschungsfragen neu denken.

Rolle der Wissenschaftskommunikation?

Aus dieser Perspektive würde sich automatisch die Rolle von Wissenschaftskommunikation ändern.  Zu diesen in der Session vorgestellten Kunst/Wissenschafts-Projekten müssten Kommunikationsstrukturen aufgebaut werden, die öffentliche Teilhabe ermöglichen. Die Session hat nicht zuletzt deutlich gemacht, dass sich die deutsche Wissenschaftskommunikation an einem Punkt befindet, an dem sie sich überhaupt erst einmal positionieren muss - weg vom produktorientierten Denken hin zu einer prozessualen Kommunikation auf Augenhöhe mit der Öffentlichkeit in all ihren Schattierungen und Bezügen. Kunst ist also weniger als Impulsgeber für Wissenschaft zu verstehen, sondern eher als Vorbild für Kommunikationsformate, die sich nicht nur auf das akademische Klientel beziehen.

Hierfür wäre allerdings ein weiter Kunstbegriff nötig, der weniger auf das künstlerische  Produkt abzielt, sondern generell kreative Prozesse, ihre Ausdrucksformen und Techniken einbezieht (Theater, Performances, Alltags- und Popkultur, Design, neue und soziale Medien), um das Mitmachen und Teilhaben in einer innovativen Gesellschaft zu ermöglichen. Eine der Hauptaufgabe von Wissenschaftskommunikation wäre, weniger eine vermittelnde Funktion, sondern vor allem eine aktive Position einzunehmen. Wissenschaftskommunikation definiert dann die Ziele und Zielgruppen, schafft Aufmerksamkeit, entwickelt das Profil einer Institution, erkennt und formuliert Botschaften und spricht nicht zuletzt direkt und differenziert die Öffentlichkeit an. Wissenschaft und Öffentlichkeit sind in diesem Sinne als gleichwertige Partner aufzufassen.  Hierfür muss Wissenschaftskommunikation das Rad nicht neu zu erfinden, denn im Kulturbereich wird bereits seit den 1970-er Jahren „Kultur für alle“ gefordert und umgesetzt.  Kunst und Kultur sind seit damals nahbarer geworden, davon sprechen nicht zuletzt auch die Besuchsstatistiken von Ausstellungen: Museen zählten für 2012 über 112 Millionen Besucherinnen und Besucher.

Vor diesem Hintergrund ist die Schnittstelle Kunst/Wissenschaft multiperspektivisch zu betrachten: Erstens wäre die zunehmende Förderung von Projekten als introspektiver Erfahrungsraum für Kunst und Wissenschaft wünschenswert. Zweitens: Künstlerische und kulturelle Formate sollten langfristig Standard in der Wissenschaftskommunikation werden.  Drittens: Wissenschaftskommunikation ist als Prozess aufzufassen, der differenziert innerhalb und außerhalb der Institutionen wirkt. Eine Folge dieser Gedanken wäre auch, dass solchen Sessions nicht der Charakter einer „Orchidee“  anhaftet, sondern dass diese Ansätze elementarer Teil von Tagungen wie dem Forum Wissenschaftskommunikation wären, denn die Session war eine der ertragreichsten auf der Konferenz.



[i] 6. Forum Wissenschaftskommunikation: „Fokus Zielgruppe – Wen erreicht Wissenschaftskommunikation?“ 11. bis 13. November, Messe- und Kongresszentrum Karlsruhe. http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/forum/forum-2013.html

ANGELOMETRIE
a sound performance on the acoustic articulation of shapes of silence and the measurement of sound, movement and image of a fallen angel
by Tamara Rettenmund & Johannes Bennke (kunstwissenkollision) et al. 
 
http://angelometrie.tumblr.com
16/08/2013
ETI Schauspielschule (Theatersaal) Rungestr. 20 10179 Berlin Nähe S/U-Bhf Jannowitzbrücke

ANGELOMETRIE

a sound performance on the acoustic articulation of shapes of silence and the measurement of sound, movement and image of a fallen angel

by Tamara Rettenmund & Johannes Bennke (kunstwissenkollision) et al. 

 

http://angelometrie.tumblr.com

16/08/2013

ETI Schauspielschule (Theatersaal)

Rungestr. 20

10179 Berlin

Nähe S/U-Bhf Jannowitzbrücke

STOFF[WECHSEL]. Eine multidisziplinäre Forschungswerkstatt

12.09.-15.09.2013 in Könnern bei Halle (Saale)

veranstaltet von der AG Künste und Wissenschaften im Ev. Studienwerks e.V. Villigst

Nach einem Konzept-Treffen im März und den Werkstattbegehungen im Juni 2013 richtete die Arbeitsgemeinschaft Künste und Wissenschaften eine alte Villa als Forschungswerkstatt mit Selbstversorgung, Kaffee-Wohnwagen und mobilen Arbeitskisten ein, um nebeneinander zum Thema STOFF[WECHSEL] zu arbeiten. Dieser Begriff hatte sich ebenfalls in einem Workshop zum Kennenlernen von Design-Thinking Methoden im Juni ergeben. In einer gemeinsamen Arbeitsumgebung sollte der individuelle Forschungsprozess innerhalb der je eigenen Disziplin im Mittelpunkt stehen und offen zur Befragung stehen. Diese Spannung zwischen Prozess und Beobachtung, Generierung und Intervention, Entwicklung und Dokumentation fokussierte nicht darauf, was produziert wurde, sondern wie vorgegangen wurde. 
Dies wurde begleitend in Plena zu den Fragen „Was ist Theorie?“ und „Was ist Praxis?“ thematisiert und entsprechend am Ende präsentiert. In Anerkennung eines Nebeneinander-Arbeitens, reflektierten die Teilnehmenden aus den Bereichen Informatik, Soziologie, Philosophie, Biologie, Kultur-, Film- und Medienwissenschaften vielmehr auf ihr Vorgehen und ihren Arbeitsort als auf die konkreten Inhalte, was zu einer verstärkten wissenschaftstheoretischen Diskussion führte, die auch schon die Konzeption des Workshops bestimmt hatte. 

Ein Fazit von Johannes Bennke: 

Auch wenn der Ort seine eigene Zeitlichkeit hat und eine Eingewöhnung erfordert, ist jeder in einen Arbeitsprozess hineingekommen und konnte über die Metaebene der Methodik berichten. Der Wechsel von Miteinander und Nebeneinander, rhythmisiert durch Essens-, Aufräum- und Einkaufszeiten hat in dem weitläufigen Gebäude sehr gut funktioniert. Dass Kinder mit dabei waren, gab dem Workshop eine eigene Dynamik und führte zum Teil auch zu Zusammenarbeiten mit AG Teilnehmer_innen. Für „Werkstattbesuche“ bei den jeweils anderen war im Grunde zu wenig Zeit. Ebenso wenig ist der konzeptionelle Ansatz der teilnehmenden Beobachtung zweiter Ordnung aufgegangen: zu sehr war jeder zunächst einmal mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt – und dann war die Zeit auch schon vorbei. Daher lässt sich an der Durchführung dieser Forschungswerksatt sehr gut zeigen, dass Konzept und Umsetzung zwei Paar Schuhe sind. 

Der offene Werkstattcharakter hat die meisten Teilnehmer_innen dazu eingeladen die für sie relevante Arbeit in die Forschungswerkstatt hineinzutragen und ihre je individuelle Praktik zu reflektieren. Die prozessorientierte Öffnung der individuellen Arbeitsweise war also der ausschlaggebende konzeptionelle Ansatz und nicht das Thema STOFF[WECHSEL] oder der Bezugsgegenstand.

Aber auch die Orientierung am Prozess erfordert irgendwann ganz pragmatische Entscheidungen, wenn es um die Frage der Präsentation und Nutzung geht. Diese Spannung ist nicht aufzuheben. Wenn mehr Zeit gewesen wäre, hätte man zudem inhaltliche Verbindungen und Ähnlichkeiten zum Thema STOFF[WECHSEL] auch gemeinsam erarbeiten können.

Für das Gelingen der Forschungswerkstatt war dies aber gar nicht mehr notwendig. Entscheidend zu sein scheint stattdessen, weniger der inhaltlich-konzeptionelle Bezug, als vielmehr die allgemeine Bereitschaft und Offenheit zur Befragung der eigenen Methodik und ein Interesse an der eigenen Forschungspraktik, wie ein Interesse an der der anderen. Da sowohl in akademischer als auch privatwirtschaftlicher Forschung der Prozess häufig zugunsten des Produkts vernachlässigt wird, bestand hier der Gewinn auch im sozialen Moment einer Gestaltung des Neben- und Miteinanders als eines Werts eigenen Rechts in der Forschungswerkstatt.

Vor allem hat sich gezeigt, dass ein Wissenstransfer der je individuellen Forschungspraktik ohne weiteres über die Grenzen der Disziplinen hinaus möglich, ja sogar für Kinder zu verstehen ist. Jeder kennt und hat Umgang mit Text, dem Schreiben, dem Zeichnen, der Fotografie und mitunter gar dem Film, Ton oder Knete. In der experimentellen Offenheit mit neuen Materialien und Methoden kann ein gewisser Dilletantismus bei der Forschung hilfreich sein. Wie jedoch diese Medien und Instrumente für eine Wissensgenerierung genutzt werden können, konnte unsere multidisziplinäre Forschungswerkstatt in Ansätzen demonstrieren und sogar andere Sichtweisen auf Wissenschaftsvermittlung eröffnen. 

STOFF[WECHSEL]

Workshopteaser von Rasa Weber

…eine multidisziplinäre Forschungswerkstatt

weitere Eindrücke von unseren (Raum)Planungssession in Berlin und einer ersten Begehung der attac Villa in Könnern bei Halle (Saale).

»zum virtuellen Rundgang 

Fotos&Rundgang: Johannes Bennke

Interdisziplinäre Werkstattbegehungen der AG Künste und Wissenschaften

27. bis 29. Juni 2013

in Potsdam und Berlin

Im Juni traf sich die Arbeitsgemeinschaft zum zweiten Mal in diesem Jahr um ihre Forschungswerkstatt im September zu planen. Im Spannungsfeld von Prozess und Produkt – zwei Aspekte, die aus unserer Sicht in den Künsten und verschiedenen Wissenschaften jeweils unterschiedlich stark Herangehensweisen, Praktiken und das Denken charakterisieren – besuchten wir verschiedene Orte sogenannter interdisziplinärer Zusammenarbeit und Forschung.

Mit Jörn Köppler kamen wir ins Gespräch über seinen Zugang zu Architektur, Philosophie und Poesie. Der Architekt erläuterte nach Ausführungen von Johannes Bennke zum Verhältnis von Architektur und Körper seine Methode des Entwurfsprozesses anhand studentischer Arbeiten und am konkreten Modell. Für die AG war hier insbesondere die poetische Sensibilität und die ästhetische Erkenntnisqualität von Architektur von Interesse.

Thomas Lilge gab uns Einblicke in das kürzlich eröffnete Interdisziplinäre Labor des Exzellenzclusters BILD – WISSEN – GESTALTUNG an der Humboldt Universität Berlin. Er arbeitet als Theaterwissenschaftler und Philosoph im Basisprojekt „Experiment und Beobachtung“ mit, das zum besonderen Profil des Clusters zählt.  So sollen hier ForscherIn nen andere Forscher*innen beim Forschen beobachten, noch offen war zu diesem Zeitpunkt, welche Mittel der Beobachtung dafür legitim seien. Zur Debatte gestellt wurde ausgehend von einem Impulsvortrag von Johannes Bennke, wie sich produkt- und prozessorientiertes Forschen mit dem Trend zum Wissenschaftsmanagement noch die Wage halten könnten und ob sie generell in einem Widerspruch stünden.  
Anregend für die Planung unserer Forschungswerkstatt waren insbesondere die Arbeits- und Werkstatträume mit Lasercutter und 3D-Drucker, sowie das Prinzip des mobilen Arbeitsplatzes. Jede_r Forschende hat eine Art Schreibtischwägelchen auf Rädern, 
das innerhalb des Hauses überall mit hingenommen werden kann. Ein zen- traler Versammlungsort dient den Teambesprechungen oder dem allgemeinen Austausch. Bemerkenswerterweise wies Thomas Lilge aber auch auf das Phänomen hin, dass gerade die Küche und der Raucherbereich Orte seien, an denen in entspannter Atmosphäre der Wissenstransfer stattfände.

Mit Ulrich Weinberg führten wir im Anschluss an die Besichtigung der School of Design Thinking des Hasso-Plattner-Instituts Potsdam ein Gespräch über die Grenzen und Möglichkeiten dieser Methode. Design Thinking wurde uns als „vernetztes Denken“ vorgestellt, das aus den drei miteinander verzahnten, zentralen Aspekten bestehe: Team, Prozess und Raum. Es handele sich um ein teamorientiertes Arbeiten, das durch einen sechsstufigen, iterativen Prozess strukturiert sei und in einem sehr frei gestaltbaren Raum, ähnlich einem Großraumbüro, mit einer umfangreichen Materialsammlung durchgeführt werde. In Zusammenarbeit mit Unternehmen, entwickeln so studentische Teams Designs für Services und Produkte. Prof. Weinberg brachte den Innovationsgestus der Design Thinking Methode auf die Formel: „vom Brockhausdenken zum vernetzten Denken.” Der Anspruch der School of Design Thinking ist die ubiquitäre Verbreitung in ökonomisch und innovativ arbeitenden Organisationen, die Interesse an Teamarbeit, Kreativität und einem Denken haben, das sich nicht die Anhäufung von Wissen, sondern vernetztes Denken sucht. 

Einen Einblick in die Methoden der School bekamen wir in einem Workshop mit den Absolventinnen Claire Luzia Leifert und Birgt Schlottmann. Ausgehend vom Begriff KÖRPER, der zuvor in einem AG Workshop zentral gewesen war, wollten wir einen Korrelationsbegriff für unsere Forschungswerkstatt finden. Mittels eines derart moderierten Prozesses kamen wir zum Begriff STOFF[WECHSEL].

Am letzten Tag trafen wir uns in den Kreuzberger Räumlichkeiten von menschen formen e.V. Annika Haas berichtete über ihre Arbeitserfahrungen am Culture Lab der Newcastle University. Dort arbeiten ForscherInnen im Bereich Human Computer Interaction und digitale Medienkunst projektorientiert zusammen. Auch hier werde interdisziplinär gearbeitet, doch gebe es feste Arbeitsplätze in Open Spaces, Studios und eine Werkstatt und werde der Austausch auch durch einen merklich guten sozialen Zusammenhalt und gemeinsame Aktivitäten begünstigt. 

In der finalen Arbeitsphase ging es um die Gestaltung der Forschungswerkstatt. Wir erstellten einen idealisierten Raumplan und bearbeiteten unser Konzept vom März entsprechend der Anregungen aus den Werkstattbegehungen.

»Zum Bericht über die Forschungswerkstatt im September 2013

Fotos: Johannes Bennke
Text: Johannes Bennke und Annika Haas

» HIER geht’s zum Programm unseres nächsten Treffens!

» HIER geht’s zum Programm unseres nächsten Treffens!

Das perfekte Forschungsdinner? Interview mit Inga Reimers (von Saskia Frank)

Mit einem ethnographischen Zugang erforscht Inga Reimers die Schnittstelle Kunst und Wissenschaft und lud im Mai 2014 zum „Perfekten Forschungsdinner“ auf Kampnagel in Hamburg. Nach dem Dinner sprach Saskia Frank von der AG Künste und Wissenschaften mit ihr darüber.

image


Hintergrund

„Ess-Settings“ als forschungsleitende Methode zu wählen, bedarf einer Offenheit gegenüber nicht greifbaren Erkenntnissen, die sich den üblichen wissenschaftlichen Standards entziehen. Das Spannende an Inga Reimers Zugang ist die Verbindung von kultureller Praktik und künstlerischem Verfahren. Beides bezieht sich auf das Epistemische und beides ist nicht wiederholbar.  Die kulturellen Praktiken des Essens sind gesellschaftlich verankert und bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekannt.  Künstlerische Verfahren können in immer wieder neu konzipierten Räumen und Strukturen stattfinden. Eine Gemeinsamkeit beider Anwendungen ist, dass sowohl kulturelle Praktiken als auch künstlerische Verfahren lediglich Momentaufnahmen darstellen. In Kombination bilden beide gemeinsam das wissenschaftliche Experiment, ähnlich einer Laborsituation. 

Eine von Reimers wesentlichen Fragen ist die nach der Formatkonzeption: Mittels welcher Verfahren und Umgebungen können sich inter- und transdisziplinäre Erkenntnisse entwickeln? Welche Settings sind hierfür notwendig? Und in welchem Verhältnis stehen hierbei theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung?


image

Wie heißt Dein Forschungsprojekt?

Ich forsche im Rahmen meiner Dissertation zu „Ess-Settings“. Das sind Situationen, in denen mit Essen und Kochen als kollektiver Handlung bewusst umgegangen wird und dabei idealerweise ein übergeordnetes Thema bearbeitet wird. Im Rahmen meiner ethnographischen Forschung realisiere ich dabei auch selbst experimentelle Forschungsdinner unter dem Titel „Taktsinn“. 

Du hast Kulturanthropologie studiert und arbeitest mit einem ethnographischen Ansatz. Wie kommen bei Dir Kunst und Wissenschaften zusammen? Wie ist Dein ethnographischer Blick auf die Schnittstelle Kunst/Wissenschaft?

In erster Linie ist für mich die Zusammenarbeit mit Künstler_innen (im Graduiertenkolleg Versammlung und Teilhabe) eine Möglichkeit, meine Horizonte und mein Wissen zu erweitern – weniger im Sinne von neuen Theorien oder Texten, die ich kennenlerne, sondern vielmehr als Denkweise und als Praxis. In diesem Zusammenhang macht es für meine eigene Forschung auch weniger Sinn, diese beiden Bereiche zu trennen und getrennt voneinander zu beschreiben, da ich mich da eher an der Schnittstelle sehe. 
So ist es zum Beispiel interessant eine kulturwissenschaftlich-ethnographische Dissertationsforschung einmal in Logiken und Abläufe von künstlerischer Produktion sowie Aufführung zu denken. Nur durch die Vorgabe des Kollegs, ein (künstlerisches) Projekt zu realisieren und zu präsentieren, wurde zum Beispiel das Thema der Formatentwicklung für mich relevant und ich hätte wohl eher keine experimentellen Forschungsdinner in die Forschung einbezogen. 
Insofern wäre es wünschenswert, dass es weiterhin Arbeitszusammenhänge gibt, in denen nicht (nur) die theoretische Diskussion über künstlerische Forschung oder künstlerische Ethnographien vorangetrieben wird, sondern in denen vor allem gemeinsam von Künstler_innen, Ethnograph_innen und Praktiker_innen jeglicher Form geforscht wird und die Prozesse und Ergebnisse der Forschung wieder in den Diskurs eingebracht werden.

Welcher künstlerischen Verfahren bedienst Du Dich für Dein Forschungsprojekt?

Ich würde die von mir verwendeten Verfahren nicht per se als künstlerisch bezeichnen. Vielmehr geht es in meiner Forschung und auch im Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe“ darum, Forschungsverfahren zu identifizieren, die nicht klassischerweise als solche angesehen werden: Das Versammeln, das Essen, das Gehen etc. Als „bestehende“ künstlerische Verfahren oder Formate sind sicherlich das Kuratieren oder die Intervention für meine Forschung relevant. Obwohl ich auch hier keine eindeutige Zuordnung in eines der beiden Felder – Kunst oder Wissenschaft – vornehmen würde. Die Ethnographie ist an dieser Sichtweise sicher auch schon immer nah dran, wenn sie zum Beispiel die Teilnahme an den jeweils zu erforschenden Praktiken und Kulturen als Forschungsverfahren begreift.

 

Was ist Dein Wissensbegriff?

Wenn ich in meiner Forschung von Wissen spreche, dann bezeichne ich damit vor allem eine greif- und kommunizierbare Form von Erkenntnissen und Praktiken. Dabei mache ich keinen Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen und dem Alltagswissen. Der Fokus liegt vielmehr auf der methodologischen Frage, wie das Wissen, das für mich relevant ist, greif- und kommunizierbar gemacht werden kann, was u.a. an Polanyis „tacit knowledge“ anschließt.

Welche Rolle spielt die Theorie und welche die Methode in Deinem Forschungsprojekt?

Da ich ja nicht nur über Ess-Settings forsche, sondern auch nach Forschungssettings und Methoden zum Greifbarmachen von z.B. sinnlicher Wahrnehmung in diesen Settings suche, steht die Methode – zumindest in der aktuellen Phase – im Vordergrund. Ich finde es dabei aber sehr spannend, auszuprobieren, inwiefern sich Theorien und theoretische Konzepte wie zum Beispiel die Akteur-Netzwerk-Theorie in der Praxis nutzbar machen lassen. 

Was sind die Kategorien, mit denen Du das Forschungsdinner erfasst?

Es gibt aktuell vier forschungsleitende Perspektiven auf Ess-Settings mit denen ich arbeite. Das sind:

  1. Essen und Kochen als soziales Setting und Experiment
  2. Essen und Kochen als sinnliches Setting und Experiment
  3. Essen und Kochen als performativer Rahmen 
  4. Essen und Kochen als Repräsentation

Diese Perspektiven wurden im perfekten Forschungsdinner in den einzelnen Gängen/an den einzelnen Tischen präsentiert und sollten so erfahr- und verstehbar werden. Dabei wird schnell deutlich, dass diese Kategorien nicht komplett voneinander getrennt werden können.

image

Welche empirischen Daten kannst Du aus dem Forschungsdinner generieren?

Als klassisches empirisches Material dienen mir die Audio-Aufzeichnungen der Abschlussdiskussionen und in Falle des perfekten Forschungsdinners auch die Kommentare, Mitschriften und Kritzeleien auf den Papiertischdecken. Außerdem erstelle ich zu jedem eigenen oder auch von mir besuchten Ess-Setting ein Protokoll/eine Beschreibung in meinem Forschungstagebuch. Fotografien und teilweise auch Filmaufnahmen sind dabei als Gedächtnisstütze sehr hilfreich.

Wen lädst Du zum Forschungsdinner ein?

Zum ersten Forschungsdinner, dem experimentellen Abend zum Nicht-Visuellen, habe ich zum einen die Mitglieder des Graduiertenkollegs und des Studiengangs Kultur der Metropole und den Freundeskreis des Kollegs über das Programmheft zur Präsentationswoche 2013 eingeladen. Die Idee war und ist es, ein Netzwerk an Interessierten und Mitforschenden zu haben, die an verschiedenen Ess-Settings teilnehmen und damit meine Expertise und Perspektive auf meine Forschung ergänzen zu können. Bei diesem ersten Dinner gab es zudem noch drei explizite Expert_innen für das Nicht-Visuelle, die ihren Zugang zum Nicht-Visuellen in einer Tischrede vorgetragen haben. Diese Personen habe ich selbst ausgewählt und eingeladen. Dieses Netzwerk wächst seitdem und ich lade dann zu den folgenden Taktsinn-Settings immer wieder eine größere Gruppe an Personen ein, die aus Wissenschaft, Kunst oder auch ganz anderen Bereichen kommen. Diese Heterogenität ist für mich sehr wichtig. Leider muss ich manchmal aus organisatorischen Gründen die Teilnehmer_innenzahl begrenzen. Dann entscheidet das Los.

Was ist das partizipative Moment am Forschungsdinner?

Letztlich können meine Forschung und somit auch das Forschungsdinner nicht funktionieren ohne Partizipation von Mitessenden und Mitforschenden. Ich bin darauf angewiesen, dass andere Menschen einen Anreiz an der Teilnahme haben. Das kann einfach das Essen und die Erwartung sein, eine nette Zeit zu verbringen. Ich hoffe natürlich, dass sich die Dinnerteilnehmer_innen darüber hinaus beteiligen und sich zum Beispiel auf Abschlussdiskussionen einlassen, mit Feedback und Informationen auf Tischdecken schreiben und dann eventuell auch beim nächsten Dinner wieder dabei sind. Darüber hinaus ist mir wichtig, dass am Ende der Arbeit nicht nur ich an der Dokumentation und Interpretation schreibe, sondern dass auch die Mitforschenden Einfluss bekommen. So weit bin ich allerdings noch nicht.

image

Was hat Deiner Meinung nach sehr gut beim Forschungsdinner funktioniert?

Dadurch, dass ich zwei Durchläufe des Dinners am Mittag und am Abend hatte, wurde deutlich, dass der Ablauf und das „Funktionieren“ des Dinners von vielen verschiedenen Komponenten abhängen: Die Zusammenstellung der Personen und ihrer aktuellen Bedürfnisse; die Klarheit, mit der Anweisungen für das Experiment gegeben werden; das Essen selbst etc. Dass etwas Interessantes, Unerwartetes passiert, ist für mich dann immer schon ein gutes Ergebnis, auf dem ich beim nächsten Dinner aufbauen kann. In beiden Durchläufen habe ich sehr viele interessante Informationen und Anmerkungen zu weiteren Ess-Settings und zum Setting des Dinners an diesem Tag bekommen. In der ersten Gruppe war auch die gemeinsame Abschlussdiskussion sehr aufschlussreich. Außerdem habe ich noch einmal ganz neue Mitforschende gewinnen können, da es keine Anmeldung vorab gab und die Essenden einfach vorbeikommen konnten.

Was hat überhaupt nicht gut funktioiert?

Wie ich bereits oben geschrieben habe, spielt die Klarheit der Anweisungen eine wichtige Rolle für das „Funktionieren“ der Experimente. Im zweiten Durchlauf sollte eine Gruppe das Essen als Arbeitsessen unter Kulturschaffenden begreifen, bei dem u.a. auch Geldgeber für ein fiktives Projekt dabei waren. Jede/r Essende bekam per Los zu Beginn eine Rolle zugeteilt. Die Idee dahinter war, dass Essen als performativer Rahmen erprobt werden sollte. Im Verlauf des Essens wurde allerdings deutlich, dass die Anweisung für dieses Spiel einerseits nicht klar genug war und die meisten Teilnehmer_innen nicht in die ausgelosten Rollen schlüpften. Andererseits hatte ich hier vielleicht auch die Dynamik einer Gruppe von sich weitestgehend bekannten Personen unterschätzt, die nach einer Aufführung eher das Bedürfnis haben über eben diese zu sprechen. Diese Runde kam durch Terminverschiebungen an diesem Tag auch erst viel später endgültig zusammen und zog sich dadurch auch länger in den Abend hinein, was bewirkte, dass hier Aufmerksamkeit anders funktionierte und sich das Dinner ohne Abschlussdiskussion recht schnell auflöste. Dieser Verlauf schien mir aber in der Situation der interessantere zu sein, so dass ich spontan entschlossen habe, keine gemeinsame Runde zu forcieren. Also geht es auch hier weniger um das Scheitern oder fehlerhafte Verläufe, sondern vielmehr um Sensibilität für die Situation und die eigene Rolle in dieser.

Inga Reimers promoviert als Assoziierte im Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe. Urbane Öffentlichkeiten und Performative Künste”.  

http://taktsinn.org/begrusungsrede-taktsinn-iii/

Wir geben nix. Wir nehmen nur.

Ich nehme: Das sichtbar gemachte Körperwissen einer vom intellektuellen Denken dominierten Wissenschaft im Verhältnis zu Raum und Zeit. Ich gebe: Die Regeln.

So lautete die Beschreibung einer Perfomance von Birte Opitz zur Abendveranstaltung Wir geben nix. Wir nehmen nur. Entgegen der einseitigen, aber doch häufigen Erwartungshaltung an (Kunst)ausstellungen, sie mögen unterhalten, ein von der AG bewusst gesetzter Titel, um im Rahmen des Pfingsttreffens des Ev. Studienwerks Projekte aus dem Bereich Kunst, Kultur und Wissenschaft von AG Mitgliedern nicht nur vorzustellen, sondern auch zu erproben und sie erstmals oder immer wieder durchzuführen. Das Publikum war somit nicht nur zum Anfassen oder zur Gabe des eigenen Körpers für ein Experiment aufgefordert, sondern konnte sich etwa Feedback-Klängen und anderen ästhetischen und sozialen Situationen mit Übertreten der Türschwellen zu den vier Räumen in Haus Villigst nicht mehr entziehen. 

Beispielsweise verließen Teilnehmde Birte Opitz’ „Körperwissen”-Raum zum Teil bestürzt angesichts der Herausforderung hinter verschlossener Tür und vor dem Kameraauge ohne Worte eine Bewegung oder Geste zu finden, die sie mit ihrer Disziplin verbinden. Weitere Reaktionen, die Rasa Weber als „Experimental Supervisor“ und ein Tweetup von Saskia Frank einfingen, zeigten, dass eine Verbindung von Körper(wahrnehmung) und Wissenschaft für viele nicht selbstverständlich ist, sondern man doch immer „nur denke”, so ein Besucher.

Besucher im Anarchiv

Dass Wissen sich allerdings nicht nur in Wort und Schrift vermittelt, sondern auch eine soziale und eine ästhetische Dimension hat, konnte im Parallaktischen Labor von Johannes Bennke und Maurício Liesen erfahren werden. So wurden im Anarchiv Bilder und Zitate zur „Undarstellbaren Gemeinschaft“ (Jean-Luc Nancy) gesammelt, aber ohne Ordnung zum Kommentieren und Fortschreiben bereit gestellt. Eine weiterer Weg, eine Art von Gemeinschaft zu teilen, ohne sich je zu Gesicht zu bekommen, war die Möglichkeit zur Ko-respondenz: Eingeladen zur „ethischen Geste der Gabe“ verfassten Besucher Brief ohne Adressaten und wurden selbst zum unbekannten Empfänger, indem im Tausch gegen den eigenen ein anderer Brief vom Tisch mitgenommen wurde. 

Im Zeugenstand, 2-Kanal-Videoinstallaion

Im Kontrast dazu stand wiederum die Konfrontation mit der Rolle, Im Zeugenstand zu sitzen und im Angesicht des Films “Judgement at Nuremberg” (Stanley Kramer, 1961) die Gewalt zu erfahren, die Sprache haben kann. 
» Zur ausführlichen Dokumentation 

SOUND OBJECTS

Auch bei Annika Haas war das Publikum teils harschen Klängen ausgesetzt, die jedoch von ihm selbst herrührten. Mit ihrem Konzept SOUND OBJECTS realisiert sie stets unabgeschlossene Assemblagen, die sich als Anhäufungen verschiedener Objekte versehen mit Mikrofonen und Vibrationslautsprechern dem Eingriff des Publikums darbieten und gleichzeitig auf einer computerbasierten Klangsynthese basieren, die davon immer wieder beeinflusst wird. Dabei entwickelten sich teils aufbäumende Noise-Miniaturen und verweilten zahlreiche Besucher für längere Zeit, um den sich verjüngenden und als “atmend“ und “krächzend” beschriebenen Objektresonanzen zuzuhören.
» Mehr zu SOUND OBJECTS

Letztlich versetzt jeder Versuchsaufbau, jede Probe und jede Schau des noch so Unabgeschlossenen auch jene, die vom Publikum Teilnahme oder gar Beiträge einfordern, in die Situation, Einblicke, Erklärungen und Zugänge geben zu müssen, um Aufmerksamkeit und Antworten entgegengebracht zu bekommen. Jedoch scheint das eine nicht das andere zu bedingen, sondern ist sowohl Austausch über Kunst wie auch über Wissenschaft nicht als ein solcher Tauschhandel zu verstehen, sondern als ein Geben und Nehmen, das vielleicht in den Figuren Korrespondenz oder Resonanz in eine Bewegung gerät, die mit und ohne das Wort zwischen den Disziplinen einen Zugang zu Sinn und Sinnlichkeit eröffnet. 

Text: Annika Haas
Bilder: Rasa Weber (1, Flyer), Johannes Bennke (2-4)

Unser Review 2013 ist online! Werkstattbegehungen und eine eigene Forschungswerkstatt beschäftigten uns. Ausblick auf 2014: Was heißt ästhetisches, was heißt wissenschaftliches Denken?zum Review

Unser Review 2013 ist online! 
Werkstattbegehungen und eine eigene Forschungswerkstatt beschäftigten uns. Ausblick auf 2014: Was heißt ästhetisches, was heißt wissenschaftliches Denken?
zum Review

Tagungsnotiz: „Das Subjektive im Objektiven – Kunst als Impulsgeber für die Wissenschaftskommunikation“

image

Welche Rolle Kunst für die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft spielen kann, zeigt Saskia Frank in dieser Tagungsnotiz anhand einiger Beispiele, die im November 2013 im „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Karlsruhe diskutiert wurden. Die Autorin ist selbst tätig im Bereich Wissenschaftsvermittlung an der TU Braunschweig.

Einmal jährlich treffen sich im „Forum Wissenschaftskommunikation“ Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bereich Wissenschafts-PR, Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftsmarketing. Die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wächst stetig – Wissenschaftskommunikation expandiert. Das Thema der Jahrestagung 2013 lautete „Fokus Zielgruppe: Wen erreicht Wissenschaftskommunikation?“.[i] Im Mittelpunkt der Tagungssessions standen innovative Ansätze, Trends und Formate. Die von Dr. Susann Beetz moderierte Session hatte das Thema „Kunst und Wissenschaft“ auf der Agenda. Eingeladen waren Referierende aus drei deutschen Institutionen, die Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft entwickelt oder betreut haben.

Gegensätze? Kunst und Wissenschaft

Susann Beetz koordiniert in der Helmholtz-Gemeinschaft die Wanderausstellung „Ideen 2020“, die Aktuelles aus Wissenschaft und Forschung in Deutschland zeigt. In ihrer Einführung eröffnet Beetz den Horizont der Session und stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kunst und Wissenschaft vor: Zunächst einmal fänden wissenschaftliche Erkenntnisprozesse unabhängig eines Publikums statt, der Prozess des Forschens sei in der Regel nicht transparent. Kunst hingegen sei an ein Publikum gerichtet und lebe von der Interaktion. Auch die Wissenschafts-kommunikation wolle zielgerichtet Öffentlichkeit ansprechen, wobei die Zielorientierung im Gegensatz zur Kunst auch eher eindimensional angelegt sei.  Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst berge Chancen, aber auch Risiken, denn künstlerische Projekte könnten im positiven wie auch im negativen Sinne die Grenzen guter wissen-schaftlicher Praxis überschreiten. Dennoch könne Kunst Diskurse eröffnen, und zwar in einer Form, die  Erfahrungen und Emotionen anspreche. Allerdings sei Kunst kein Dienstleister für Wissenschaft und Kommunikation, vielmehr sei das gegenseitige Profitieren entscheidend.

Kunst und Wissenschaft: Gemeinsamkeiten

Wie die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft fruchtbar gemacht werden kann, referierte Heike Katharina Mehrtens, künstlerischer Vorstand der in Berlin ansässigen Schering-Stiftung. Mehrtens plädiert dafür, Kunst und Wissenschaft zunehmend zusammen zu denken, denn nur so könne Welt als Ganzes verstanden werden. Die Schering-Stiftung fördert vor allem Symposien und Workshops und schafft Plattformen, auf denen sich Kunst und Wissenschaft treffen. Während Beetz eher die Unterschiede betont, zeigt Mehrtens die Gemeinsamkeiten auf: Kunst und Wissenschaft erforschen alles Unbekannte und bedienen sich im Grunde ähnlicher Methoden und Experimente um zu Erkenntnissen zu gelangen.  In der Kunst sowieso und in der Wissenschaft inzwischen auch, spiele die Visualisierung eine eminente Rolle, Wissensproduktion und Wissens-vermittlung geschehe über Bilder, wobei in der Wissenschaft das Wort nach wie dominiere.

Die Schering-Stiftung schafft mit ihren Förderprogrammen finanzielle Grundlagen und ist zugleich operative Institution und ökonomisches Netzwerk. Deutlich wird an dem Beitrag von Heike Katharina Mehrtens, dass es der Schering-Stiftung vor allem um das Anstoßen von Denkprozessen geht, um das Verständnis von gesellschaftlichen Herausforderungen und um das Infrage stellen der eigenen – künstlerischen und wissenschaftlichen – Prinzipien.

Lösungsansätze für die Zukunft

Stefan Aue von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften berichtet vom Ansatz des Jahresthemas ARTEFAKTE, das 2011 und 2012 unter dem Titel WISSEN IST KUNST, KUNST IST WISSEN firmierte.  Das Jahresthema diente mit 40 Partnern und 30 Einzelprojekten der regionalen Netzwerkbildung. Die Akademie machte in ihrem Themenjahr Allianzen zwischen Kunst und Wissenschaft möglich, um Fragen der Zukunft aufzuwerfen und Lösungsansätze vorzustellen. Dabei ging es um die Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft sowohl im theoretischen Diskurs als auch in konkreten Projekten wie zum Beispiel dem „Syntopischen Salon“. Mit neuen dynamischen Formaten, die Rollenbildern, Denkstilen und Konventionen nachgehen, könnten, so Aue, gesellschaftliche Problemfelder identifiziert werden.

So viele Gemeinsamkeiten die von Mehrtens und Aue vorgebrachten Beispiele auch vermuten lassen, so sehr positionieren sich beide Vortragende auch unterschiedlich. Auf der einen Seite zeigen die dargestellten Projekte der Schering-Stiftung die Sicht auf Kunst und Wissenschaft selbst, so dass die Schnittstellen-Projekte zu einem Erfahrungsraum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden. Auf der anderen Seite geht die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit ihren interkulturellen und interdisziplinären Formaten in den öffentlichen Raum und sucht durch die Entstehung des momenthaftigen Neuen nach Ansätzen, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen.

Öffentlichkeitsarbeit und institutionelle Grenzen

Während sich die Schering-Stiftung und die Berlin–Brandenburgische Akademie der Wissenschaften explizit die Förderung von­­ Kunst/Wissenschafts-Projekten auf die Fahnen schreiben, stellt der dritte Referent Andreas Schütz vor, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt Kunstprojekte in seine Öffentlichkeitsarbeit  integriert. Die Förderung von Kunstprojekten gehöre normalerweise nicht zu den Aufgaben einer Forschungseinrichtung. Dennoch kämen Anfragen von Verlagen und Filmproduktionsfirmen, in denen Luft- und Raumfahrt eine Rolle spielen. Schütz sieht in der Beratung dieser Projekte eine gute Möglichkeit, Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Wissenschaft zu betreiben, da beispielsweise mit Science Fiction-Büchern und -Filmen neue Zielgruppen erreicht werden können, die im ersten Schritt weniger wissenschaftsaffin sind.  Auch mit der – hauptsächlich ideellen – Unterstützung von Kunstprojekten im engeren Sinne könnten neue Horizonte der Öffentlichkeitsarbeit eröffnet werden. In der Folge entstehen größere Gemeinschaftsprojekte, wie zum Beispiel die Ausstellung OUTER SPACE. DER WELTRAUM ZWISCHEN KUNST UND WISSENSCHAFT, die in der Bundeskunsthalle Bonn in Zusammenarbeit mit dem DLR im Oktober 2014 eröffnet wird.

Öffentlichkeitsarbeit an deutschen Wissenschaftseinrichtungen ist institutionellen Regeln unterworfen, und nur persönlicher Einsatz und eine Portion Idealismus können helfen, die bürokratischen Hürden zu überwinden. Damit die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft überhaupt erst möglich werden kann, sind strukturelle und ökonomische Grundlagen nötig. Es bedarf hierfür langfristige Förderungen und vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die neuen thematischen Zugängen offen gegenüber stehen. 

Breitenwirksamkeit?

Die Referentinnen und Referenten haben auf eindrucksvolle Weise gezeigt, welche Vielfalt an Formaten es bereits an der Schnittstelle Kunst und Wissenschaft gibt. Allerdings bleiben die meisten angesprochenen Projekte Teil des Wissenschaftsbetriebs. Wenn aber die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft gesellschaftlich wirken soll – sei es, weil disziplinäre Grenzen gesprengt werden müssen oder kreative Lösungen für aktuelle Probleme gesucht werden, dann wäre eine weitere Verbreitung zielführend. 

Wie diese Projekte breitenwirksam werden können, blieb in dieser Session offen. Wen erreichen solche Projekte? Wie können weitere Zielgruppen teilhaben? Auf welche Weise können  neue Ideen gesellschaftlich verankert werden? Susann Beetz hat in ihrer Einführung von der Eindimensionalität gesprochen: Wenn aus der Ein-Weg-Kommunikation eine netzartige Kommunikation entstehen würde, dann hätten auch kreative Ideen aus der Öffentlichkeit Chancen, Wissenschaft zu bereichern. Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft und nur durch ein soziales Wechselspiel von Beidem kann Neuartiges produziert werden.

Bleibt  die Vermittlung von Wissen  eine eindimensional orientierte Veranstaltung, so ist gesellschaftliche Teilhabe nur bedingt möglich. Die Formatentwicklung an der Schnittstelle Kunst/Wissenschaft wäre eine lohnende Aufgabe für die noch junge Disziplin „Wissenschaftskommunikation“. Dafür wären interaktive Formate sinnvoll, die das Forschen auch von Nichtwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern  möglich machen.  Als Stichwort wäre hier künstlerische Forschung zu nennen. Ein wesentlicher Aspekt der künstlerischen Forschung ist nicht die Vermittlung von Wissen, sondern die Entstehung desselben. Folglich könnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch vom Wissen der Öffentlichkeit profitieren und darauf aufbauend ihre Forschungsfragen neu denken.

Rolle der Wissenschaftskommunikation?

Aus dieser Perspektive würde sich automatisch die Rolle von Wissenschaftskommunikation ändern.  Zu diesen in der Session vorgestellten Kunst/Wissenschafts-Projekten müssten Kommunikationsstrukturen aufgebaut werden, die öffentliche Teilhabe ermöglichen. Die Session hat nicht zuletzt deutlich gemacht, dass sich die deutsche Wissenschaftskommunikation an einem Punkt befindet, an dem sie sich überhaupt erst einmal positionieren muss - weg vom produktorientierten Denken hin zu einer prozessualen Kommunikation auf Augenhöhe mit der Öffentlichkeit in all ihren Schattierungen und Bezügen. Kunst ist also weniger als Impulsgeber für Wissenschaft zu verstehen, sondern eher als Vorbild für Kommunikationsformate, die sich nicht nur auf das akademische Klientel beziehen.

Hierfür wäre allerdings ein weiter Kunstbegriff nötig, der weniger auf das künstlerische  Produkt abzielt, sondern generell kreative Prozesse, ihre Ausdrucksformen und Techniken einbezieht (Theater, Performances, Alltags- und Popkultur, Design, neue und soziale Medien), um das Mitmachen und Teilhaben in einer innovativen Gesellschaft zu ermöglichen. Eine der Hauptaufgabe von Wissenschaftskommunikation wäre, weniger eine vermittelnde Funktion, sondern vor allem eine aktive Position einzunehmen. Wissenschaftskommunikation definiert dann die Ziele und Zielgruppen, schafft Aufmerksamkeit, entwickelt das Profil einer Institution, erkennt und formuliert Botschaften und spricht nicht zuletzt direkt und differenziert die Öffentlichkeit an. Wissenschaft und Öffentlichkeit sind in diesem Sinne als gleichwertige Partner aufzufassen.  Hierfür muss Wissenschaftskommunikation das Rad nicht neu zu erfinden, denn im Kulturbereich wird bereits seit den 1970-er Jahren „Kultur für alle“ gefordert und umgesetzt.  Kunst und Kultur sind seit damals nahbarer geworden, davon sprechen nicht zuletzt auch die Besuchsstatistiken von Ausstellungen: Museen zählten für 2012 über 112 Millionen Besucherinnen und Besucher.

Vor diesem Hintergrund ist die Schnittstelle Kunst/Wissenschaft multiperspektivisch zu betrachten: Erstens wäre die zunehmende Förderung von Projekten als introspektiver Erfahrungsraum für Kunst und Wissenschaft wünschenswert. Zweitens: Künstlerische und kulturelle Formate sollten langfristig Standard in der Wissenschaftskommunikation werden.  Drittens: Wissenschaftskommunikation ist als Prozess aufzufassen, der differenziert innerhalb und außerhalb der Institutionen wirkt. Eine Folge dieser Gedanken wäre auch, dass solchen Sessions nicht der Charakter einer „Orchidee“  anhaftet, sondern dass diese Ansätze elementarer Teil von Tagungen wie dem Forum Wissenschaftskommunikation wären, denn die Session war eine der ertragreichsten auf der Konferenz.



[i] 6. Forum Wissenschaftskommunikation: „Fokus Zielgruppe – Wen erreicht Wissenschaftskommunikation?“ 11. bis 13. November, Messe- und Kongresszentrum Karlsruhe. http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/forum/forum-2013.html

ANGELOMETRIE
a sound performance on the acoustic articulation of shapes of silence and the measurement of sound, movement and image of a fallen angel
by Tamara Rettenmund & Johannes Bennke (kunstwissenkollision) et al. 
 
http://angelometrie.tumblr.com
16/08/2013
ETI Schauspielschule (Theatersaal) Rungestr. 20 10179 Berlin Nähe S/U-Bhf Jannowitzbrücke

ANGELOMETRIE

a sound performance on the acoustic articulation of shapes of silence and the measurement of sound, movement and image of a fallen angel

by Tamara Rettenmund & Johannes Bennke (kunstwissenkollision) et al. 

 

http://angelometrie.tumblr.com

16/08/2013

ETI Schauspielschule (Theatersaal)

Rungestr. 20

10179 Berlin

Nähe S/U-Bhf Jannowitzbrücke

STOFF[WECHSEL]. Eine multidisziplinäre Forschungswerkstatt

12.09.-15.09.2013 in Könnern bei Halle (Saale)

veranstaltet von der AG Künste und Wissenschaften im Ev. Studienwerks e.V. Villigst

Nach einem Konzept-Treffen im März und den Werkstattbegehungen im Juni 2013 richtete die Arbeitsgemeinschaft Künste und Wissenschaften eine alte Villa als Forschungswerkstatt mit Selbstversorgung, Kaffee-Wohnwagen und mobilen Arbeitskisten ein, um nebeneinander zum Thema STOFF[WECHSEL] zu arbeiten. Dieser Begriff hatte sich ebenfalls in einem Workshop zum Kennenlernen von Design-Thinking Methoden im Juni ergeben. In einer gemeinsamen Arbeitsumgebung sollte der individuelle Forschungsprozess innerhalb der je eigenen Disziplin im Mittelpunkt stehen und offen zur Befragung stehen. Diese Spannung zwischen Prozess und Beobachtung, Generierung und Intervention, Entwicklung und Dokumentation fokussierte nicht darauf, was produziert wurde, sondern wie vorgegangen wurde. 
Dies wurde begleitend in Plena zu den Fragen „Was ist Theorie?“ und „Was ist Praxis?“ thematisiert und entsprechend am Ende präsentiert. In Anerkennung eines Nebeneinander-Arbeitens, reflektierten die Teilnehmenden aus den Bereichen Informatik, Soziologie, Philosophie, Biologie, Kultur-, Film- und Medienwissenschaften vielmehr auf ihr Vorgehen und ihren Arbeitsort als auf die konkreten Inhalte, was zu einer verstärkten wissenschaftstheoretischen Diskussion führte, die auch schon die Konzeption des Workshops bestimmt hatte. 

Ein Fazit von Johannes Bennke: 

Auch wenn der Ort seine eigene Zeitlichkeit hat und eine Eingewöhnung erfordert, ist jeder in einen Arbeitsprozess hineingekommen und konnte über die Metaebene der Methodik berichten. Der Wechsel von Miteinander und Nebeneinander, rhythmisiert durch Essens-, Aufräum- und Einkaufszeiten hat in dem weitläufigen Gebäude sehr gut funktioniert. Dass Kinder mit dabei waren, gab dem Workshop eine eigene Dynamik und führte zum Teil auch zu Zusammenarbeiten mit AG Teilnehmer_innen. Für „Werkstattbesuche“ bei den jeweils anderen war im Grunde zu wenig Zeit. Ebenso wenig ist der konzeptionelle Ansatz der teilnehmenden Beobachtung zweiter Ordnung aufgegangen: zu sehr war jeder zunächst einmal mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt – und dann war die Zeit auch schon vorbei. Daher lässt sich an der Durchführung dieser Forschungswerksatt sehr gut zeigen, dass Konzept und Umsetzung zwei Paar Schuhe sind. 

Der offene Werkstattcharakter hat die meisten Teilnehmer_innen dazu eingeladen die für sie relevante Arbeit in die Forschungswerkstatt hineinzutragen und ihre je individuelle Praktik zu reflektieren. Die prozessorientierte Öffnung der individuellen Arbeitsweise war also der ausschlaggebende konzeptionelle Ansatz und nicht das Thema STOFF[WECHSEL] oder der Bezugsgegenstand.

Aber auch die Orientierung am Prozess erfordert irgendwann ganz pragmatische Entscheidungen, wenn es um die Frage der Präsentation und Nutzung geht. Diese Spannung ist nicht aufzuheben. Wenn mehr Zeit gewesen wäre, hätte man zudem inhaltliche Verbindungen und Ähnlichkeiten zum Thema STOFF[WECHSEL] auch gemeinsam erarbeiten können.

Für das Gelingen der Forschungswerkstatt war dies aber gar nicht mehr notwendig. Entscheidend zu sein scheint stattdessen, weniger der inhaltlich-konzeptionelle Bezug, als vielmehr die allgemeine Bereitschaft und Offenheit zur Befragung der eigenen Methodik und ein Interesse an der eigenen Forschungspraktik, wie ein Interesse an der der anderen. Da sowohl in akademischer als auch privatwirtschaftlicher Forschung der Prozess häufig zugunsten des Produkts vernachlässigt wird, bestand hier der Gewinn auch im sozialen Moment einer Gestaltung des Neben- und Miteinanders als eines Werts eigenen Rechts in der Forschungswerkstatt.

Vor allem hat sich gezeigt, dass ein Wissenstransfer der je individuellen Forschungspraktik ohne weiteres über die Grenzen der Disziplinen hinaus möglich, ja sogar für Kinder zu verstehen ist. Jeder kennt und hat Umgang mit Text, dem Schreiben, dem Zeichnen, der Fotografie und mitunter gar dem Film, Ton oder Knete. In der experimentellen Offenheit mit neuen Materialien und Methoden kann ein gewisser Dilletantismus bei der Forschung hilfreich sein. Wie jedoch diese Medien und Instrumente für eine Wissensgenerierung genutzt werden können, konnte unsere multidisziplinäre Forschungswerkstatt in Ansätzen demonstrieren und sogar andere Sichtweisen auf Wissenschaftsvermittlung eröffnen. 

STOFF[WECHSEL]

Workshopteaser von Rasa Weber

…eine multidisziplinäre Forschungswerkstatt

weitere Eindrücke von unseren (Raum)Planungssession in Berlin und einer ersten Begehung der attac Villa in Könnern bei Halle (Saale).

»zum virtuellen Rundgang 

Fotos&Rundgang: Johannes Bennke

Interdisziplinäre Werkstattbegehungen der AG Künste und Wissenschaften

27. bis 29. Juni 2013

in Potsdam und Berlin

Im Juni traf sich die Arbeitsgemeinschaft zum zweiten Mal in diesem Jahr um ihre Forschungswerkstatt im September zu planen. Im Spannungsfeld von Prozess und Produkt – zwei Aspekte, die aus unserer Sicht in den Künsten und verschiedenen Wissenschaften jeweils unterschiedlich stark Herangehensweisen, Praktiken und das Denken charakterisieren – besuchten wir verschiedene Orte sogenannter interdisziplinärer Zusammenarbeit und Forschung.

Mit Jörn Köppler kamen wir ins Gespräch über seinen Zugang zu Architektur, Philosophie und Poesie. Der Architekt erläuterte nach Ausführungen von Johannes Bennke zum Verhältnis von Architektur und Körper seine Methode des Entwurfsprozesses anhand studentischer Arbeiten und am konkreten Modell. Für die AG war hier insbesondere die poetische Sensibilität und die ästhetische Erkenntnisqualität von Architektur von Interesse.

Thomas Lilge gab uns Einblicke in das kürzlich eröffnete Interdisziplinäre Labor des Exzellenzclusters BILD – WISSEN – GESTALTUNG an der Humboldt Universität Berlin. Er arbeitet als Theaterwissenschaftler und Philosoph im Basisprojekt „Experiment und Beobachtung“ mit, das zum besonderen Profil des Clusters zählt.  So sollen hier ForscherIn nen andere Forscher*innen beim Forschen beobachten, noch offen war zu diesem Zeitpunkt, welche Mittel der Beobachtung dafür legitim seien. Zur Debatte gestellt wurde ausgehend von einem Impulsvortrag von Johannes Bennke, wie sich produkt- und prozessorientiertes Forschen mit dem Trend zum Wissenschaftsmanagement noch die Wage halten könnten und ob sie generell in einem Widerspruch stünden.  
Anregend für die Planung unserer Forschungswerkstatt waren insbesondere die Arbeits- und Werkstatträume mit Lasercutter und 3D-Drucker, sowie das Prinzip des mobilen Arbeitsplatzes. Jede_r Forschende hat eine Art Schreibtischwägelchen auf Rädern, 
das innerhalb des Hauses überall mit hingenommen werden kann. Ein zen- traler Versammlungsort dient den Teambesprechungen oder dem allgemeinen Austausch. Bemerkenswerterweise wies Thomas Lilge aber auch auf das Phänomen hin, dass gerade die Küche und der Raucherbereich Orte seien, an denen in entspannter Atmosphäre der Wissenstransfer stattfände.

Mit Ulrich Weinberg führten wir im Anschluss an die Besichtigung der School of Design Thinking des Hasso-Plattner-Instituts Potsdam ein Gespräch über die Grenzen und Möglichkeiten dieser Methode. Design Thinking wurde uns als „vernetztes Denken“ vorgestellt, das aus den drei miteinander verzahnten, zentralen Aspekten bestehe: Team, Prozess und Raum. Es handele sich um ein teamorientiertes Arbeiten, das durch einen sechsstufigen, iterativen Prozess strukturiert sei und in einem sehr frei gestaltbaren Raum, ähnlich einem Großraumbüro, mit einer umfangreichen Materialsammlung durchgeführt werde. In Zusammenarbeit mit Unternehmen, entwickeln so studentische Teams Designs für Services und Produkte. Prof. Weinberg brachte den Innovationsgestus der Design Thinking Methode auf die Formel: „vom Brockhausdenken zum vernetzten Denken.” Der Anspruch der School of Design Thinking ist die ubiquitäre Verbreitung in ökonomisch und innovativ arbeitenden Organisationen, die Interesse an Teamarbeit, Kreativität und einem Denken haben, das sich nicht die Anhäufung von Wissen, sondern vernetztes Denken sucht. 

Einen Einblick in die Methoden der School bekamen wir in einem Workshop mit den Absolventinnen Claire Luzia Leifert und Birgt Schlottmann. Ausgehend vom Begriff KÖRPER, der zuvor in einem AG Workshop zentral gewesen war, wollten wir einen Korrelationsbegriff für unsere Forschungswerkstatt finden. Mittels eines derart moderierten Prozesses kamen wir zum Begriff STOFF[WECHSEL].

Am letzten Tag trafen wir uns in den Kreuzberger Räumlichkeiten von menschen formen e.V. Annika Haas berichtete über ihre Arbeitserfahrungen am Culture Lab der Newcastle University. Dort arbeiten ForscherInnen im Bereich Human Computer Interaction und digitale Medienkunst projektorientiert zusammen. Auch hier werde interdisziplinär gearbeitet, doch gebe es feste Arbeitsplätze in Open Spaces, Studios und eine Werkstatt und werde der Austausch auch durch einen merklich guten sozialen Zusammenhalt und gemeinsame Aktivitäten begünstigt. 

In der finalen Arbeitsphase ging es um die Gestaltung der Forschungswerkstatt. Wir erstellten einen idealisierten Raumplan und bearbeiteten unser Konzept vom März entsprechend der Anregungen aus den Werkstattbegehungen.

»Zum Bericht über die Forschungswerkstatt im September 2013

Fotos: Johannes Bennke
Text: Johannes Bennke und Annika Haas

Das perfekte Forschungsdinner? Interview mit Inga Reimers (von Saskia Frank)
Wir geben nix. Wir nehmen nur.
Tagungsnotiz: „Das Subjektive im Objektiven – Kunst als Impulsgeber für die Wissenschaftskommunikation“

About:

Kunst/Wissen/Kollision ist die Plattform der Arbeitsgemeinschaft Künste und Wissenschaften, einer Initiative im Ev. Studienwerk e. V. Villigst.


KunstWissenKollision assembles an interdisciplinary research group investigating methods of collaboration in the field of arts and sciences. It is funded by Ev. Studienwerk e.V. Villigst. Our blog is partly written in English language.

Contact : annikahaas [at] web [dot] de

Following: